Was macht ein Deutscher als Bäcker in Kanada?

Was macht ein Deutscher als Bäcker in Kanada?

noreply@chiemgau-net.de (A.A.Interrants) (2007-01-15 06:39:06)

Was macht man als Bäcker in Kanada?

Der Deutsche hat gern die Angewohnheit, über sein eigenes Land zu schimpfen.
Aber kein Kanadier würde auf die Idee kommen, sein eigenes Land schlecht zu
machen, denn das würde ihm selbst schlecht kommen. Viel lieber stellt er
sein Land ins schönste Rampenlicht - und erfindet schon auch einmal etwas
dazu. Vielleicht deshalb ist Kanada auch viel besser als Deutschland -
solange man als Deutscher zuhause bleibt und nur die Geschichten hört.

Ein Leben in Kanada erfordert viel Toleranz anderen Menschen gegenüber. Das
bedeutet im Klartext: Man darf nicht auf seine gesetzlich festgeschriebene
Bezahlung bestehen, weil diese in vielen Fällen nicht bezahlbar ist. Man
muss bereit sein, mitzuhelfen und auch einmal ohne Bezahlung anpacken
können. Wenn es die Situation erfordert, hat man auch 12 Stunden und mehr zu
arbeiten. Ohne Mehraufschlag. Wer in Kanada leben möchte, darf oft genug
nicht auf schriftlich festgelegte Rechte bestehen, weil er sonst nicht
weiterkommt. Das alles bedeutet in Kanada Toleranz.

Die Menschen in Kanada sind anderen Leuten gegenüber sehr offen und geben
vielen eine Chance, so wie man es in Deutschland eigentlich nicht kennt.
Dadurch ist es viel einfacher, eine neue Arbeit aufzunehmen. Auch helfen sie
oft viel besser zusammen, als ich es in Deutschland erlebt habe. Warum das
so ist, das erfährt man gleich. Denn aus Nächstenliebe tun die Kanadier so
etwas nicht.

Schon oft habe ich gehört, dass Bäcker in Kanada dringend gesucht wären. In
drei Jahren fand ich jedoch nur zwei halbwegs vernünftige
Stellenausschreibungen, beide davon in Québec, und beide liefen übers YWEP.
Drei andere Stellenausschreibungen waren nicht durch öffentliche Stellen
abgesichert. Eine Anzeige erwies sich sogar als Luft einer
Vermittlungsfirma, die erhoffte, durch Gebühren satte Gewinne einfahren zu
können.

Die erste dieser Stellenausschreibungen war von einem deutschen Bäcker in
Kamouraska getan worden. Die Stelle bekam rein zufällig ich. Die andere
Stelle war irgendwo in Montréal, aber man darf nur einmal im Leben am YWEP
teilnehmen, weshalb ich diese Stelle nicht mehr bekam.

Ich kam damals völlig unvorbereitet nach Kanada und wusste *rein gar nichts*
über dieses riesige Land, außer das bisschen, was ich so im Laufe der Jahre
von Walt Disney & Co. mitbekommen hatte. Das brachte natürlich
Schwierigkeiten mit sich.

Ich stelle mir noch heute die Frage, warum in Kanada Bäcker so dringend
gesucht wären. Entweder ist dies nicht der Fall, oder aber es gibt keine
*vernünftigen* Arbeitsstellen. Sind kanadische Vorstellungen von Arbeit oft
völlig anders als europäische?

Festgestellt habe ich damals vor Ort, dass es in Kanada viel Brot zu kaufen
gibt, darunter die verschiedesten Sorten, so wie es halt überall in der Welt
ist. In den größeren Städten wird auch deutsches Schnittbrot (Vollkorn)
verkauft, hergestellt von der deutschen Industrie. Ein Mangel ist also nicht
da. Mir wurde damals selbst von den Leuten in Kamouraska erzählt, dass es
viel zu wenig Bäckereien im Land gäbe. Auf meinen Exkursionen mit dem
Fahrrad stolperte ich über eine große Bäckerei in La Pocatière. Außerdem
fand ich eine kleine in Saint-Phillippe-de-Neri. In Rivière-du-Loup gab es
damals die Microboulangerie La Seigneurie. In Le Bic die Boulangerie Folles
Farines. Außerdem frage ich mich, warum die meisten Bäcker von Kamouraska
damals im Winter entweder arbeitslos waren oder mehrere tausend Kilometer
(einer sogar bis nach Vancouver) weggingen.

Die Bäckerei in Kamouraska war damals nur sechs Monate geöffnet, weil sich im
Winter das Geschäft nicht mehr rentiert. Kamouraska ist ein typisches Sommer-
Dorf, viele Gäste und Hausbesitzer kommen nur im Sommer nach Kamouraska. Im
Winter war dieses Dorf wie ausgestorben. Ich hatte einige Probleme mit dieser
Arbeitsstelle, weil einiges hinter der Hand ablief. Außerdem stand ich nach
einem halben Jahr ohne Arbeit da. Auf der anderen Seite waren diese Dinge für
mich verständlich und einsehbar. Ich durfte damals jeden Tag miterleben, wie
hart das Überleben für die Bäckerei war. Jeden Sommer trat bei ihnen wieder die
Frage auf, ob sie genug einnehmen würden, um die nächste Zeit durchzukommen.
Auch ist mir die Familie in vielen Dingen entgegengekommen - nur geklärt hatten
sie leider vieles nicht! Vielleicht deshalb, weil sie davon ausgingen, dass
diese Dinge eine Selbstverständlichkeit waren. Vielleicht waren sie es auch -
jedoch nur für Kanadier. Vielleicht aber hatten sie auch Angst, dass ich ihnen
Probleme machen könnte. Manchmal hatte ich auch das Gefühl, Jochen, der Chef,
wusste über viele Dinge selbst nicht richtig Bescheid. So war ich von ihm
leider auch nie aufgeklärt worden.

Von den Leuten habe ich übrigens nie wieder etwas gehört. *Von keinem* der
Kanadier. Irgendwie wundert mich das aber auch nicht nach all dem Chaos, das
ich bei ihnen erlebt hatte. Ich hatte damals ständig die Schwierigkeit, dass
ich ihnen quasi so etwas wie einen Spiegel vors Gesicht hielt und viel
motzte. Das war nicht böse gemeint. Es war eine Angewohnheit von daheim. Die
Dinge lassen sich nicht verbessern, indem man sie akzeptiert. Mit dem Chef
kam ich auch einmal übers Kreuz. Es lag aber an mir, alles richtig zu
stellen. Wir hatten mit Sicherheit auch deshalb Probleme, weil ich Bayer
bin, der Chef aus Westfalen stammte. Die Kanadier unternahmen in dieser
Richtung leider überhaupt nichts. Das Einzige, was sie stets taten, war
davonlaufen. He, wo seid ihr denn - ich will raufen!

Man muss, um die Geschichte besser verstehen zu können, die
Familiengeschichte kennen. Da war eine junge Frau, die mit 18 Jahren ein
Mädchen in die Welt setzte. Der Vater war schwer auf Drogen aus. Die Frau
und das Mädchen lebten meinen Erkenntnissen nach in verschiedenen Orten am
Saint-Lorenz-Strom. Das Mädchen hatte kaum Freunde. Die beiden litten oft an
Hunger und unter Geldmangel. Denn die Frau war Künstlerin, und das Geschäft
lief schlecht. Ich vermute, dass die Familie bzw. Eltern der Frau mit dem
Kind diesen beiden kaum half, da es insgesamt 16 oder 17 Geschwister waren.

1994 tauchte dann plötzlich ein deutscher Abenteuerer bei ihnen auf. Er war
in einer deutschen Bäckerei aufgewachsen und damals nach Montréal gegangen,
um dort Brot zu backen. Die Bäckerei lief nicht lang - so wie es heute dank
dem Überangebot an Brot durch die Industrie an vielen Orten der Welt ist.
Nun trieb sich der Deutsche in den USA und Kanada herum, weil er unter
keinen Umständen nach Hause wollte. Schließlich war er mit dem Fahrrad von
Ontario aus unterwegs nach Neuschottland, traf dabei jedoch in Kamouraska
die Frau mit ihrem Kind. Die Frau hatte damals scheinbar noch einen anderen
Freund, als der Deutsche sie traf. Einige Zeit später hatte der Deutsche sie
jedoch bereits geheiratet. Es war Schicksal, dass die Frau damals
ausgerechnet in dem großen Haus am riesigen Parkplatz der Kirche wohnte. Mit
den Mitteln aus Deutschland und der Unterstützung seines Vaters baute die
Familie dort eine Bäckerei auf - der Rest ist Geschichte.

http://www.kamouraska.ca/Autres/Membres/boulangerie.htm

Mehr ist mir nicht bekannt, aber ich konnte einige Parallelen zu meiner
eigenen Familie und Verwandtschaft herstellen, was ebenfalls mehr als
seltsam war (meine Mutter, erste von sieben Kindern, hatte ebenfalls mit 17.
Jahren das erste Kind geboren).

Ich habe damals vor Ort nach anderen Stellen gesucht, aber nichts
*Vernünftiges* (basierend auf meinen europäischen Vorstellungen) gefunden.
Da gab es Arbeitsstellen, wo man 3 Monate lang 80 Wochenstunden oder mehr zu
schieben hatte (bei einer sieben Tages-Woche). Die Arbeitstellen waren
jedoch alle sehr weit von Kamouraska entfernt.

In Deutschland sieht es in der Bäckerei derzeit so aus, dass sich auf eine
Arbeitsstelle bis zu 300 Leute bewerben. Ich hatte das damals selbst gesehen,
als ich mich für eine deutsche Bäckerei in Neuseeland bewarb. Als ich in
Wellington mit der Chefin gesprochen hatte, hatte sie mir die Bewerbungen
gezeigt, die sie per Email aus D bekommen hatte: 273! Darunter überwiegend
Leute, die gerade eben erst ihre Ausbildung beendet hatten oder noch mit ein -
zwei Jahren Berufserfahrung.

Auch und ganz besonders in Deutschland werden viele Fachkräfte gesucht. Das
größte Missgeschick Deutschlands ist derzeit die negative Einstellung vieler
Menschen anderen gegenüber. Es wird immer extremer gearbeitet. Man gibt den
Leuten kaum mehr Chancen, wer nicht gleich besteht, wird rausgeschmissen,
ein anderer gesucht. Auf die Dauer muss dieses Verhalten freilich dazu
führen, dass immer mehr Firmen kaputtgehen, weil sie nicht mehr operieren
können und somit die Wirtschaft im allgemeinen gebremst wird. Der Mensch
muss auch geben können, damit eine Gemeinschaft funktioniert. Nicht nur
nehmen.

Ich habe es zwei Mal selbst erlebt. Man wird als Azubi eingestellt, aber nur
auf dem Papier ausgebildet. Keiner nimmt sich mehr die Zeit, Können und
Wissen zu vermitteln. Statt dessen darf man Drecksarbeit machen. Hat man die
Lehre dann mit Ach und Krach geschafft, steht man hinterher meist auf der
Straße. Man wird von den Betrieben nicht gebraucht. Oder ein besserer wird
eingestellt. Es sind ja genug Leute da.

Menschen werden wegrationalisiert und durch Maschinen ersetzt. Bankfilialen
geschlossen. Ein jeder schaut nur noch auf sich selbst, die Menschen werden
in Österreich, Deutschland und Liechtenstein (6x selbst erlebt!)
gleichermaßen rausgetreten und fertiggemacht, wenn der eigene Arbeitsplatz
in Gefahr ist. Im Vergleich dazu war mir Kanada anders und lieber. Es war
schon immer so, dass Kanada auf Grund der extremen klimatischen Bedienungen
und Weite die Menschen in gegenseitige Abhängigkeit versetzte - besonders
heute noch auf dem Land zu spüren. Die Menschen müssen sich gegenseitig
helfen und unterstützen, um zu überleben. Da wird zusammengearbeitet, nicht
gegeneinander. Man wird gegenseitig gebraucht.

Man tut gut daran, in Kanada mitzuhelfen, ohne die Dinge zu hinterfragen und
sich ständig auf

Was macht ein Deutscher als Bäcker in Kanada?

Arbaitslos (2007-01-17 18:29:14)


Was macht ein Deutscher als Bäcker in Kanada?

Georg Stein (2007-01-17 18:29:14)

A.A.Interrants schrieb:
> Was macht man als Bäcker in Kanada?
Vergiss Deinen Vers, Freund.
Was Du hier anmahnst galt in Deutschland noch bis kurz vor der WM als
neonazistisches strafwürdiges Verhalten. Die Deutschen wissen erst seit
ein paar Wochen das Sie eine Nation sind und so galt es besonders bei
den ach so freiheitlich gesinnten supermodernen "Bürgerlichen" als
Schick jedem Amerikaner in den Arsch zu kriechen und nach Möglichkeit
seine Herkunft zu verleugnen.
Was also erwartest Du...

Georg Stein